DER BÄR IN EINER VON MENSCHEN DOMINIERTEN LANDSCHAFT

Bären bewohnen große, zusammenhängende Waldgebiete und kleine Bereiche der angrenzenden Landschaft. Etwa 41% der slowakischen Landesfläche ist mit Wald bewachsen, wodurch die Slowakei zu einem der waldreichsten Länder Europas wird. Leider ist es eine Illusion zu glauben, dass die karpatischen Wälder allesamt wild und unberührt sind. Aufgrund der Ausbreitung der modernen Zivilisation in immer tiefere Gebiete hinein, verschwinden stetig ungestörte Gebiete. Da große Raubtiere für die Erfüllung ihrer täglichen Lebensbedingungen tausende Hektar von durch den Menschen nur wenig gestörten Wäldern benötigen, können selbst Nationalparks und andere geschützte Landesflächen diese Bedingungen nicht erfüllen. Wahrscheinlich gibt es leider in der ganzen Slowakei keinen einzigen Bären, der nicht irgendwann in seinem Leben mit Menschen oder dessen Aktivitäten in Berührung kommt. Wir sammeln neues und erweitern existierendes Wissen über diese größten Waldbewohner und referieren es auf wissenschaftlicher, aber auch populärwissenschaftlicher Ebene, über den  „Medved“ – den Honigkenner.

 

Bärentelemetrie – ein wichtiges Instrument, um Tiere ungestört zu erforschen

Wir injizierten zusammen mit dem Forstwirtschaftlichen Institut in Zvolen das erste Projekt der Slowakei, um die Bären mit moderner GPS-GSM Telemetrie in den Poľana und den Veporské Bergen, sowie der Kleinen Fatra auszustatten. Die Sendehalsbänder messen stündlich eine Position, falls erforderlich, auch in kürzeren Intervallen. Zusätzlich zeichnet jedes Halsband die Aktivität unserer Tiere im 5-Minuten Intervall auf. Aktivität ist definiert als die Kopfbewegungen im dreidimensionalen Raum. Wir können jedes Tier auf diese Weise zwischen 2 – 3 Jahren überwachen und bekommen somit nicht nur eine Vorstellung davon, welches Habitat die einzelnen Individuen benutzen, sondern auch wie unterschiedlich sich jedes davon verhält. Wir konnten bis jetzt einzigartige Daten über den großen Petz sammeln und machen stetig weiter, neue Tiere zu fangen und zu besendern. 

 

 

Unser erstes gefangenes Weibchen, die Popoluschka, hört nicht auf damit uns zu überraschen und gebar in drei Jahren insgesamt 7 Jungtiere. Popoluschka wurde am 12.04.2012 zusammen mit zwei Kleinen des vergangenen Jahres gefangen und bekam einen teuren GPS-GSM Sender umgelegt. Das dritte Bärenjungtier hatte sich offensichtlich irgendwo versteckt, während der Rest seiner Familie in unserer Falle saß. Allerdings konnten sich alle 4 Bären bald darauf wieder finden und wurden auch zusammen fotografiert.

 

 

Popoluschka mit vier diesjährigen Nachkommen im August 2013. © Michaela Ľalíková Die Positionsdaten unserer Bärin Popoluschka. In 2011 hatte sie drei und 2013 vier kleine Bärennachkommen, wovon im August 2013 alle noch lebten. Wie viele Tiere wirklich einmal das Erwachsenenalter erreichen werden, ist fragwürdig, da es eine hohe „Welpensterblichkeit“ gibt. Jedoch konnten die drei Jungtiere aus dem Jahre 2011 bereits bis in den August 2013 hinein überleben, wodurch sie die zwei ersten, besonders kritischen Jahre überlebten. © Slavomír Finďo

 

 

 Die Sendehalsbänder haben einen sogenannten Aktivitätssensor integriert. Die hier gezeigte Abbildung stellt diese Aktivitätskurve von dem Zeitpunkt des Fangens bis zum 09.09.2013 dar. Blaue Punkte entsprechen Kopfbewegungen in vertikaler, und grüne Punkte in horizontaler Richtung, wobei jeder dieser Punkte einen Durchschnitt von 5 Minuten wiederspeigelt. Die rote Linie zeigt die Temperatur des Senders, die eine Mischung der Körper- und Umgebungstemperatur ist. Während des Winterschlafes jedoch repräsentiert sie die Bedingungen in der Höhle, die niemals unter 0° Celsius abfiel. Das ist sehr wichtig, da die neue Bärengeneration in der Höhle selbst geboren wird, keine Thermoregulation hat und völlig auf die Wärmewirkung des mütterlichen Körpers angewiesen ist. Beim Winterschlafen sind die Bären nahezu komplett inaktiv, was sich in weißen Bereichen ohne blaue bzw. grüne Punkte deutlich macht. © Slavomír Finďo

 Das Männchen Mischo ist eines der größten Bären im Poľana-Gebirge. 2009 fingen wir ihn das erste Mal, wobei sein Gewicht auf mehr als 300 kg und sein Alter um die 15 Jahre herum geschätzt wurde. Leider verlor er nur wenige Monate später sein Sendehalsband. © Slavomír Finďo

 

 

Wir hatten Glück: 2012 fingen wir ihn ein zweites Mal und er bekam erneut einen GPS-GSM-Sender. Dieser Bär wurde während der Paarungszeit mit verschiedenen Weibchen gesehen, weshalb wir davon ausgehen können, dass er der Vater vieler Bärenjungen ist. © Ľuboš Frič    

 

 

Modellierung des Bärenhabitates – theoretische Errechnung geeigneter Gebiete

Leider sind die Medien in Bezug auf Akzeptanz der Bären nicht besonders produktiv, da man fast ausschließlich und ohne Datengrundlage eine „Überpopulation“ der Bären und die damit verbundene Gefahr der Neubesiedlung von niemals bewohnten Gebieten proklamiert. Deswegen haben wir ein Modell kreiert, um zu zeigen, wo die Habitatbedingungen auf der Landesfläche der Slowakei so geeignet wären, dass Bären dort theoretisch leben könnten, auch wenn sie momentan hier nicht heimisch sind. In der vorliegenden Karte der Slowakei sieht man 4 verschiedene Farben, die die Güte eines entsprechenden Gebietes charakterisieren. Hierbei stellt gelb das am wenigsten und braun das am besten geeignetste Habitat dar. Das Verbreitungsgebiet der Bären aus dem Jahre 2004 kennzeichneten wir in einem transparenten Weiß. Man erkennt sofort, dass weit mehr slowakische Fläche für Bären theoretisch geeignet wäre, als die Fläche, die sie momentan besiedeln. Welche Faktoren eine Neubesiedelung verhindern gilt es nun herauszufinden. Beispielsweise ist die menschliche Störung dort zu hoch oder sie können die Gebiete gar nicht erreichen, da die Entwicklung verschiedener Infrastruktur die nötigen Migrationswege bereits zerstört hat. Und selbstverständlich, wie immer im Freiland, kann es sich um Gründe handelt, die wir noch nicht oder auch niemals kennen können. Die Menschen sagen heutzutage immer, dass unsere pelzigen Studientiere plötzlich dort auftauchen, wo sie noch niemals zuvor waren. Eigentlich stimmt diese Aussage so nicht, da die Bären in der Vergangenheit bis auf in Moorlandschaften und Auen überall gelebt haben. Erst die langsame Umgestaltung der natürlichen Umweltbedingungen in landwirtschaftliche Flächen und Besiedlungen zerstörte die zuvor guten Lebensbedingungen. 

 

Habitatmodell der Bären in der Slowakei. © Koreň et al. 2011

 

        

Bär-Mensch-Interaktionen

Unsere Wissenschaftlerin Michaela Skuban hat sich mit den Wechselwirkungen der Jahrtausenden alter Beziehung zwischen uns Menschen und den großen braunen Bären sehr lange beschäftigt. Alle die gesammelten Ergebnisse aus neben der Biologie, verschiedensten Disziplinen flossen in ein interdisziplinäres Buchprojekt ein, das von der Andrea-von-Braun Stiftung München gefördert wurde. Das Ergebnis ist das Buch „Dem Braunbär auf der Spur: Lebensweise - Geschichte – Mythen“, welches Ende 2011 im Stocker Verlag Graz publiziert wurde. Dafür erhielt sie im Februar 2013 den zweiten Preis der Yves-Rocher Stiftung (Trophee de Femme), die jährlich drei Frauen auszeichnet, die sich in besonderem Masse für Umweltbelange engagiert haben.  

“Der Bär ist ein überaus faszinierendes Tier, der seit der letzten Eiszeit auf großen Teilen des Europäischen Kontinentes heimisch war bzw. noch ist. Sein ursprüngliches Verbreitungsgebiet ist sehr einschneidend durch uns Menschen selbst verkleinert worden und er wird heutzutage auf ein reduziertes Habitat zurückgedrängt, hauptsächlich in Bergregionen einiger Länder, wobei hier die slowakischen Karpaten ein wichtiges Refugium darstellen. In der Slowakei habe ich im Freiland sehr viele Daten zum Medved, dem Honigkenner sammeln können. Dies geschah mithilfe von Telemetrie, Kotanalysen zu seinem Ernährungsverhalten und Verhaltensbeobachtungen durch Fotofallen. Der Bär war hier niemals ausgerottet und die Einstellung der Menschen ist trotz aller Schwierigkeiten eine ganz andere als in den westlichen Ländern, wo es den Bären oft seit mehr als 100 Jahren nicht mehr gibt. Ich konnte erkennen, dass die Besonderheiten des Verhaltens von Bären in vielen Volksgebräuchen eine Antwort gefunden haben. Und genau das wollte ich auch zeigen. Was machen die Bären, wenn sie Futter finden wollen, oder welche Schwierigkeiten überwinden sie, um an zwar essbare, aber nicht leicht zugängliche Dinge zu gelangen? Ein anderes Beispiel, das ich aufzeige, ist das kurze, aber sehr intensive Familienleben der Bären, nachdem die Jungtiere mit vielen Stolpersteinen versuchen müssen, ein selbstständiges Leben als erwachsener Bär zu führen. Zudem ist es auffällig, wie intensiv der sagenumwobene Winterschlaf von den Menschen in ihre eigenen Frühlings- und Fruchtbarkeitsrituale integriert wurde. Viele, bis dato im Westen niemals publizierte Daten aus russischer und osteuropäischer Literatur konnten einige Fragen beantworten. Aber auch bis jetzt nicht  publizierte slowakische Literatur floss in das Buch mit hinein.

Bären in der Slowakei und in vielen anderen Gebieten Europas leben schon lange nicht mehr alleine irgendwo in ungestörter Wildnis sondern nahe dem Menschen oder gar mehr oder weniger unter ihnen. Beide Parteien, ob sie wollen oder nicht, müssen somit miteinander leben, was eine sehr bunte Palette an Interaktionen aufmacht. Auf der einen Seite ist der Bär ein beeindruckendes und inspirierendes Tier, das uns fasziniert. Auf der anderen Seite jedoch löst er beim Menschen Angst aus und macht ihm Probleme. Der Bär gehört zwar zu den Raubtieren, lebt aber eher wie ein Allesfresser. Seine Speisekarte bereitet uns mitunter Kopfschmerzen, da er neben Wildpflanzen auch auf Feldfrüchte (Mais, Hafer, Weizen), Fruchtbäume, Bienenstöcke und sogar Nutztiere zurückgreift. Durch Urbanisierung leben Bär und Menschen immer näher zusammen. Unter ganz speziellen Umständen, wie einer Überbevölkerung durch den Menschen im Wald, kann ein Bär auch angreifen.  Das für Bären geeignete Gebiet schrumpft immer mehr aber damit nicht genug. Die Slowakei ist seit 2005 Mitglied der Europäischen Union. Die neuen Mitgliedstaaten stehen unter einem erheblichen Druck ihre marode Straßeninfrastruktur auszubauen, was in Habitatzerschneidung nicht nur für Bären, sondern auch viele andere Tiere endet. Zusätzliche werden die wenigen verbleibenden Flächen immer intensiver durch Freizeitaktivitäten wie etwa Beeren- und Pilzesuchen, Wandern und Fahrradfahren. 

Ich habe all dieses Wissen nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Biologie, sondern auch vielen anderen Disziplinen zusammengetragen wie etwa Literatur, Ethnografie, Mythologie, Religion, Geschichte, Jagd, Kunst und Volksgebräuchen. Für mich war es sehr interessant zu ergründen, warum sich der Bär in sovielen Bereichen des Menschen wiederfindet. Offensichtlich war der frühe Mensch von einigen Verhaltensbesonderheiten so fasziniert, dass er diese in seine eigenen Rituale, Geschichten und kulturellen Feierlichkeiten integrierte. In der slawischen Mythologie hatte alles Lebendige einen hohen Wertstatus, der Bär jedoch erreichte immer wieder extrem hohe Bedeutung. Man bewunderte ihn für seine Stärke und Fähigkeiten. Auch der Winterschlaf hatte es den Leuten angetan, vor allen Dingen deshalb, weil man ihn sich nicht erklären konnte. Wie ist es möglich, dass ein so großes und somit sehr sichtbares Tier auf einmal verschwindet? Ins Nichts, weg von der Erdoberfläche – und im Frühjahr kehrten sie zurück, die großen Braunen. Bären wurden ein Symbol der Widergeburt: Sterben im Herbst – und Wiedergeboren-werden im Frühjahr. Und die Bärin selbst erreichte den Status einer Lebensspenderin, da sie im neuerwachenden Frühling auch noch mit Jungtieren gesehen wurde, denen sie offensichtlich das Leben geschenkt hatte. Streckenweise wurde ihr Verehrung so stark, dass sie als Lebensgöttin bezeichnete, der man sogar zutraute, die ersten Menschen geboren zu haben. 

In dem Buch kommen jedoch auch ganz andere und sehr aktuelle Themen zur Sprache wie eben die komplizierte Koexistenz mit uns Menschen, Bären in menschlicher Obhut, verwaiste Bärenjungtiere, problematische Bären, Schaden an menschlichen Besitztümern verursacht durch Bären und der immer mehr eskalierende Streit zwischen Naturschützern und Jägern, der den Tieren mehr schadet als nützt.

 

 

Michaela Skuban schrieb das Buch über die Bären. Michaela Skuban erhielt für ihre Arbeit den zweiten Preis der Yves-Rocher-Stiftung, die Frauen auszeichnet, welche sich in besonderem Masse für die Umwelt engagierten.
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